Rückblick auf den Seniorennachmittag am 12. November 2011
„Die berühmteste aller Kirchen Ravennas“ (Ferdinand Gregorovius), nämlich San Vitale mit seinen Mosaiken, war Thema des diesjährigen Seniorennachmittags im Laurentius-Gemeindehaus. Wie immer gab es Kaffee und leckeren Kuchen von der Bäckerei Medla, später dann noch Wein und „Mitschele“. Fast siebzig Besucherinnen und Besucher waren gekommen und freuten sich an der festlich gedeckten Tafel. Ulrike Sussmann, Gisela Leis, Claudia Klimpel sowie vier Konfirmanden hatten alles vorbereitet.
Sabine Schüle, die sich u. a. in Ravenna die Kunst der Mosaik-Herstellung erarbeitet hatte, gab einen Einblick in die Mosaiktechniken. Von den 2000 Jahre alten Fußbodenmosaiken der Villa Livia nördlich von Rom schlug sie den Bogen bis zu zeitgenössischen Beispielen der Mosaikkunst, wie z. B. in den U-Bahn-Haltestellen von New York. Zwei von ihr selbst angefertigte Mosaike hatte sie auch mitgebracht, um an ihnen die beiden unterschiedlichen Techniken der Herstellung zu erläutern, die direkte und die indirekte. „Echt cool“, meinten die Konfirmanden angesichts des zwei auf einen Meter großen Stückes „Is the earth only watching us?“
Dann zeigte Pfarrer Lautenschlager Bilder der Mosaiken aus San Vitale mit einigen wenigen Erklärungen zum ikonographischen Programm: Dem Lamm Gottes an der Decke des Presbyteriums etwa – das Geheimnis des göttlichen Heilsplanes mit der Welt ist die freie Lebenshingabe aus Liebe – oder den Papageien aus den persischen Palastgärten sowie Abrahams Eiche, die wohl den durch viele Pilger arg gerupften Baum in Mamre naturgetreu abbildete.
Den Abschluss des Ausfluges nach Ravenna bildeten einige Passagen aus einer Predigt über die Menschwerdung Gottes von Petrus Chrysologus, dem 450 n.Chr. gestorbenen Erzbischof von Ravenna:
„Furcht hatte alle befallen, Schrecken alle Glieder gelöst, Entsetzen alles erschüttert. Im Himmel hatte der Glanz der Gottheit die Engel zu Boden geworfen, auf Erden erschütterten Donner und Blitz das Herz der sterblichen Menschen. So hatte die Furcht die Liebe zum Herrscher ganz verdrängt; die Engel trieb sie zur Flucht auf die Erde, die Menschen zog sie hin zu den Götzenbildern; die Welt überzog sie mit eitlem Irrtum, alles ließ sie vor dem Schöpfer fliehen, die Geschöpfe verehren. Lieben kann nicht, wer übermäßig fürchtet. Darum wollte die Welt lieber zugrunde gehen, als sich [noch länger] fürchten müssen. Der Tod ist noch leichter zu ertragen als Todesfurcht. …
Da also Gott sah, dass die Welt durch die Furcht erschüttert werde, bemühte er sich gleich, sie mit Liebe zurückzurufen, mit Gnade einzuladen, in der Liebe zu halten und mit Güte zu fesseln. …
Als er aber durch alles dies, was wir erwähnt haben, die Herzen der Menschen durch die Glut der Gottesliebe entzündet hatte, als in der Seele der Menschen sich die ganze Liebe Gottes ergossen hatte, begannen diese, wunden Geistes, Gott mit fleischlichen Augen schauen zu wollen. Wie aber kann das kleine menschliche Auge den Gott schauen, den die Welt nicht fassen kann? Doch die Macht der Liebe fragt nicht, was sein wird, was sein soll, was sein kann. Die Liebe kennt keine Überlegung, keine Einsicht, kein Maß. Die Liebe ist trostlos ob des Unmöglichen; sie scheut kein hemmendes Mittel bei Schwierigkeiten. Wenn die Liebe nicht zu dem Geliebten kommen kann, mordet sie den Liebenden; und darum eilt sie dahin, wohin sie geführt wird, nicht dahin, wohin sie soll. Die Liebe weckt das Verlangen, entzündet den Brand; Liebesglut aber strebt nach dem Unerlaubten. Und wozu noch mehr? Die Liebe muss das sehen, was sie liebt: darum hielten alle Heiligen das, was sie verdienten, für klein, wenn sie den Herrn nicht sehen würden. Und in der Tat, Brüder! Wie sollten sie für die Wohltaten Dankesdienste leisten, wenn sie den Geber der Wohltaten nicht sehen konnten? Oder wie sollten sie glauben, dass Gott sie liebe, wenn sie seines Anblicks nicht würdig wurden? Daher hat die Liebe, wenn auch keinen richtigen, so doch einen [großen] Eifer in der Liebe, wenn sie Gott zu sehen trachtet. …
Da also Gott wusste, dass die Sterblichen durch ihr Verlangen, ihn zu sehen, gequält würden und ermüdet, so wählte er einen Weg aus, um sich ihnen sichtbar zu machen, um so den irdischen Menschen und den himmlischen Bewohnern nicht klein zu erscheinen. Denn was Gott auf Erden zu seinem Ebenbilde gemacht hat, wie hätte er dies im Himmel ohne Ehrung lassen können? "Lasst uns den Menschen machen", heißt es ja, "nach unserem Bilde und Gleichnisse!" Vollkommene Ehrung ist geschuldet dem Bilde wie auch dem Könige. Wenn er einen Engel vom Himmel genommen hätte, er wäre gleichwohl unsichtbar geblieben; wenn er aber von der Erde eine Form genommen hätte, die unter dem Menschen stand, so wäre es eine Entehrung der Gottheit gewesen und hätte den Menschen entwürdigt, nicht erhoben. Niemand also, Geliebteste, soll es für eine Entehrung Gottes halten, wenn Gott in Menschengestalt zu den Menschen kam und aus uns unser Wesen annahm, um von uns gesehen zu werden, er, der da lebt und regiert, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“
(Die ganze Predigt in der Übersetzung von G. Böhmer in der Bibliothek der Kirchenväter unter:
http://www.unifr.ch/bkv/kapitel1918-3.htm)