Erntedank 2017

Am 1. Oktober feierten wir Erntedank in der Auferstehungskirche im Enzenhardt und in der Stadtkirche in Nürtingen. Thema das Gottesdienstes war die Einübung in die Dankbarkeit als innere Grundhaltung des Lebens, wodurch jeder Augenblick an das göttliche Geheimnis rührt. Inspiriert haben uns neben 1. Mose 26, 1-11 zwei Zitate:
Der Freiburger Germanist Jochen Schmidt schreibt in seiner Erschließung der Erzählung "Der Findling" von Heinrich von Kleist:
"Der Erzähler nennt Nicolo einen 'höllischen Bösewicht'. ... Den spezifischen Charakter des Perversen erhält [seine Bosheit] dadurch, daß der Findling die Wohltaten, die er von der existentiellen Rettung über die Adoption bis zur Einsetzung als Erbe empfangen hat, und die eigentlich größten Dank verdienen, mit abscheulichem Undank vergilt. Aber gerade darin wirkt sich ein psychischer Rückschlagmechanismus aus ... Der Mensch, der Wohltaten empfängt, die seine ganze Existenz bestimmen, wird dadurch zum Geschöpf eines anderen und vermag keine eigene Identität auszubilden, da er sich selbst nichts zurechnen kann. In einem Akt radikaler Zerstörung ... kann er das Abhängig-Sekundäre seines eigenen Daseins bloß negieren, indem er das Dasein dessen, dem er alles verdankt, auslöscht."
(Aus: Jochen Schmidt, Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche, Darmstadt, 2. Aufl. 2009, S. 266.)
Der portugiesische Priester, Theologe, Schriftsteller und Dichter José Tolentino Mendonca berichtet von einer besonderen Herausforderung "Dankbar zu sein für das, was uns nicht gegeben wurde":
"Die Herausforderung stammt von einer Freundin, die mir anvertraut hat: 'Ich möchte gerne Gott danken für alles, was er mir gibt, und es ist immer so viel, dass mir die Worte fehlen, um es zu beschreiben. Indes fühle ich, dass ich ihm auch für alles danken muss, was er mir nicht gibt, für die Dinge, die auch schön sind, die ich nicht habe, sogar für jene, die ich mir sehr gewünscht habe und um die ich gebeten habe, aber die mir nicht zuteil wurden. Die Tatsache, dass ich sie nicht erhalten habe, hat mich gezwungen, Kräfte zu finden, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe; und in einem gewissen Sinn hat sie mir erlaubt, diejenige zu sein, die ich bin.' Welch großartige Wahrheit! Sie erfordert aber eine radikale Umgestaltung unsere inneren Haltung. Innerlich erwachsen zu werden ist mitnichten eine schnelle oder schmerzlose Geburt. Und doch, solange wir nicht dem Leben oder anderen für das danken, was uns nicht gegeben wurde, bleibt unsere Existenz offensichtlich unvollständig. Freilich können wir sehr gut durchs Leben kommen ständig beleidigt wegen dem, was wir nicht erhalten haben, und Vorwürfe machen, uns als Opfer der Ungerechtigkeit fühlen, uns zu beklagen, wie hart es ist, dass unsere Träume Jahr für Jahr immer noch nicht wahr werden. Oder wir können das, was uns nicht gegeben wurde, als Chance in den Blick nehmen, eine geheimnisvolle, unter dem Gegenteil verborgene Chance, einen Weg der Vertiefung einzuschlagen und der Auferstehung ..."
(Aus: José Tolentino Menonca, La mistica dell'istante. Tempo e promessa, Mailand 2017, S. 62f; italienische Übersetzung des portugiesischen Originals A mistica do instante. O tempo e a promessa, 2014. Übersetzung aus dem Italienischen von Markus Lautenschlager)