Nachlese zur Gemeindefreizeit in Velletri, 20. – 26. Juni 2011

Wo anfangen in der Fülle des Erlebten? Bei Signora Vogel, die als barista zu ihrer Bestimmung gefunden zu haben schien? Oder bei den Schnecken mit langem Geläuf auf der Sagra della lumaca in Valmontone?  – mit einem Krug Wein wurden auch deutsche Mägen ihrer Herr. Bei unserer Schwesterkirche San Lorenzo fuori le mura mit dem bezaubernden Kreuzgang und den leuchtenden Mosaiken am Lesepult für das Evangelium, der opulenten Vorspeisenplatte im Rosaroten Panther? Oder bei der Königsbrezel auf dem Stoßzahn von Berninis Elefant – einem heißen Anwärter für den Sieg des Mayerschen Preisauschreibens? Oder bei der herzlichen Gastfreundschaft von Signora Leda und Signor Silvano, der exzellenten Küche, dem weitläufigen grünen Gelände des Centro Ecumene, das unseren Seelen so wohl tat? Beim makellosen Sandstrand und dem glasklaren Meer bei Sabaudio? Dem örtlichen Busunternehmen, das alle unsere Extrawünsche prompt und klaglos erfüllte? Oder doch beim Wohlfühlwetter und dem problemlosen Flug samt spontanem Halt beim Bustransfer am See zu Füßen von Castel Gandolfo und den zum Greifen nahen virtuosen Drachenfliegern? Der freundlichen Römerin, die mit hartnäckiger Findigkeit das verlorene Ehepaar doch noch bei „La Carbonara“ zum Abendessen ablieferte? Engel müssen nicht Männer mit Flügeln -sein.
Und wie weitermachen? Mit dem caffè in der Tazza d’oro an der Piazza Rotondo, dem besten Eis der Welt von Giolitti, dem Blick durchs Schlüsselloch an der Pforte des Malteserpalastes auf dem Aventin oder dem Panoramablick vom Gianicolo? Der Rose auf dem Grab Wilhelm Waiblingers auf dem cimitero acattolico bei der Cestius-Pyramide? Der unverschämt teuren, leckeren spremuta d’arancia auf der Piazza Santa Maria in Trastevere? Oder mit den Bibelarbeiten zum Römerbrief auf den Spuren der frühen stadtrömischen Christen, dem Abendmahlsgottesdienst unter der großen Zeder mit selbstgebasteltem Kreuz und selbstgepflücktem Hortensienstrauß. Das Geheimnis der Erlösung und des erfüllten Lebens heißt Annahme: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat – Gott zum Lob (Römer 15,7). Dem selbstverständlichen Anpacken von allen in so vielen Kleinigkeiten, das Trinkgeld für die Busfahrer eingeschlossen. Und die Hilfe beim Abräumen der Tische. Und die Führungen durch Rom. Und das Borgen von Insektenstichsalben und „Dopo-sole-Lotionen“. Und dem Zusammenwirken der beiden Mesnerinnen i. R. wie überhaupt dem Zusammenfinden der Nürtinger und Betzweiler-Wäldemer.
Und wo aufhören? Bei den Morgenandachten, die uns halfen Tag und Glück dankbar aus Gottes Hand zu empfangen? Der Lektüre aus der großen Bücherkiste, die Jeroschs so freundlich in ihrem Auto mitnahmen? Den ein- und vierstimmig gesungenen Liedern in der abendlichen Runde bei Rotwein und Campari Soda? Dem Bummel durchs mittäglich-verschlafene Frascati? Nur gut, dass der marathonbegeisterte Barbiere aufhatte, um dreien von uns ein sakramentstaugliches Outfit zu verpassen. Oder mit der Weinprobe im Casale Mattia – die erschwerte Anreise eingeschlossen. Oder doch mit den Mitbringseln aus der Norceria in Velletri oder der roten Krawatte und den Sandalen vom mercato Vittorio Emanuele (schade, dass bei den kurzen Hosen bei XL Schluss war) ?
Insomma – es war wunderschön.  Es hat sich eingestellt, was alle ersehnen, „die aus der Dürre der Technik und Mechanik, des gemeinen Verstandes und groben Nutzens gern zu Kunst und Alterthum, zu der Naturgestalt und uralten Kultur des Südens wie zu einer reinen Bildungs- und Lebensquelle flüchten, nämlich: „ein Ganzes zu werden und wahre Menschlichkeit in sich zu entwickeln“ (Victor Hehn, Italien. Ansichten und Steiflichter, 21879). In zwei Jahren wieder – vielleicht nach Venedig.
Markus Lautenschlager