Der verschenkte Altar

Der Nürtinger Altar ging vor 170 Jahren ans württembergische Königshaus und kehrt in Gestalt einer Replik in die Laurentiuskirche zurück – Von Sigrid Emmert
Am 20.9.2010 hat die Ortsgruppe Nürtingen des Schwäbischen Heimatbundes offiziell eine Reproduktion des Nürtinger Altars an die Evangelische Stadtkirchengemeinde übergeben. Damit finden jahrzehntelange vergebliche Bemühungen um eine Rückführung des kirchlichen Kunstwerks ein versöhnliches Ende.
Künstlerisches Meisterwerk für St. Laurentius
Die Geschichte des Nürtinger Altars nahm einen verheißungsvollen Anfang. Der aus Rottweil stammende Maler Conrat Weiß wurde mit dem ehrenvollen und wohl auch lukrativen Auftrag betraut, für die St.-Laurentius-Kirche ein sakrales Kunstwerk als herausgehobenen Ort der Anbetung zu schaffen. Von dem jungen Künstler gibt es im Berliner Kupferstichkabinett ein mit 1510 datiertes Selbstbildnis, das wohl in seiner Augsburger Gesellenzeit entstanden ist.
In mehrjähriger Arbeit schuf Conrat Weiß einen Flügelaltar mit Szenen aus dem Leben Marias. 1516 verewigte er sich mit seiner Signatur C.W. samt Jahreszahl auf einer kleinen Tafel, die eines der drei symbolträchtigen weißen Häschen im Mittelteil des Altares hält. Wer den Künstler engagierte und entlohnte, darüber schweigen die Quellen. Immerhin hatte Nürtingen nach einem großen Stadtbrand im Jahr 1473 den Wiederaufbau vieler Gebäude zu bewältigen, ebenso wie die gewaltigen Baukosten für die im Verhältnis zur Einwohnerzahl mächtige spätgotische Hallenkirche. Vieles spricht dafür, dass die damals im Schloss ansässige fromme Herzogin Elisabeth von Brandenburg in ihre Privatschatulle gegriffen hat, um zumindest einen erklecklichen Betrag beizusteuern. So hatte sie bereits nach dem Stadtbrand beim Wiederaufbau des „verbrunnen stetlin“ geholfen.
Der Künstler zog nach getaner Arbeit weiter nach Esslingen, wo er 1526 im Stadtbuch erwähnt wird. Vom Neckar führt seine Spur nach Straßburg. An dieser vermutlich letzten Wirkungsstätte lebte er wohl bis zu seinem Tod. Wir wissen nur, dass seine Witwe dort im Jahr 1562 eine neue Ehe einging.
Gnädige Bewahrung vor den Bilderstürmern der Reformation
Nach Einführung der Reformation erließ Herzog Ulrich nach dem sogenannten Uracher Götzentag im Jahr 1537 die Weisung, alle Altäre und „ärgerlichen Bilder“ aus den Kirchen im Lande zu entfernen.
Der Nürtinger Altar mit seinen prächtigen Engelsgestalten hatte damals offenbar auch einen leibhaftigen Schutzengel, denn das vermeintliche Götzenbild fiel nicht wie andernorts den Bilderstürmern zum Opfer. Es wurde nur aus dem offenen Kirchenraum entfernt und in die seit dem Tod der Herzogin Elisabeth verwaiste Fürstenloge auf der Empore in Sicherheit gebracht. Dort schlummerte das sakrale Meisterwerk, soweit überliefert, bis ins 19. Jahrhundert vor sich hin.
Aus Nürtinger Sicht gilt das Jahr 1841 als folgenschwere Wende für das Schicksal des Altars. König Wilhelm feierte sein 25-jähriges Thronjubiläum mit großem Prunk. Die Festlichkeiten, unter anderem der legendäre „Festzug der Württemberger“, sollten den Aufschwung von Landwirtschaft, Gewerbe und Handel des Landes während der Regierung des Monarchen vor Augen führen.
Man kann sich die Überlegungen der Nürtinger Stadtväter vorstellen, als es galt – freiwillig oder notgedrungen –, dem Jubilar ein Präsent zu verehren, zumal das „dankbare Volk“ überdies 1344 Gulden aufbringen musste, die anlässlich der Festlichkeiten dem Oberamtsbezirk auferlegt wurden. War der Nürtinger Altar nicht genau das, was den König, der als Kunstkenner und -sammler von Format galt, erfreuen würde? War der Marienaltar für die streng pietistisch Gläubigen nicht immer noch eine Art Götzenbild und bei Licht besehen nicht in einem ziemlich maroden Zustand? Wer wollte da angesichts der stets knappen städtischen Finanzen auch nur einen Kreuzer zu seiner Erhaltung opfern. Ihn zu verschenken schien ein vergleichsweise geringes Opfer.
Der Altar verschwand nicht etwa in den königlichen Privatgemächern, sondern kam alsbald in die königliche Gemäldesammlung im 1843 neu eröffneten Museum der bildenden Künste. Dort wurden seine schadhaften Stellen von dem bekannten bayerischen Konservator Andreas Eigner im Jahr 1844 restauriert, nach heutigen Maßstäben allerdings nicht in allen Teilen fachgerecht. Spätere Restauratoren versuchten diese Verfälschungen des originalen Zustandes wieder rückgängig zu machen.
Seit vielen Jahrzehnten hat man das Nürtinger Meisterwerk aus der ständigen Ausstellung der Staatsgalerie genommen. Wenn der Wunsch zu einer Besichtigung besteht, bedarf es langer Wartezeiten, bis der Altar aus dem Magazin geholt und einem kleinen Kreis von Interessenten für die kurze Dauer einer Führung zugänglich gemacht wird.
In seiner Stadtchronik hatte Jakob Kocher schon in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts „das berühmte Altarwerk als kostbarsten Schmuck unserer Stadtkirche“ bezeichnet. In den Sechzigerjahren wurde man sich dann auch verstärkt in der Evangelischen Kirchengemeinde und im Schwäbischen Heimatbund des Verlustes bewusst. Es wurden vermehrt Stimmen laut, die anregten, man möge wegen einer Rückgabe des Altars in Stuttgart vorstellig werden.
Hauptsächlich der Initiative des Kunsterziehers und Malers Otto Zondler ist es zu verdanken, dass sich eine stattliche Zahl einflussreicher Persönlichkeiten aus Kirche, Stadt und Politik für die Rückführung des in Nürtingen entstandenen Meisterwerkes einsetzte. Zunächst versicherte der damals für die Kunst zuständige Kultusminister Gerhard Storz seine grundsätzliche Bereitschaft, Altäre an ihren angestammten Platz zurückzugeben, wenn bestimmte konservatorische Bedingungen gewährleistet seien. Diese Voraussetzungen meinte man Mitte der Sechzigerjahre nach einer gründlichen Renovierung der Stadtkirche samt neuer Heizung erfüllt zu haben. Bald wurde aber erkennbar, dass sich die Verantwortlichen der Staatsgalerie durch nichts und niemand umstimmen ließen. Wohl um eine parlamentarische Anfrage zu verhindern, lud man eine Nürtinger Delegation zusammen mit Sachverständigen in die Stuttgarter Staatsgalerie ein. Danach bestand kein Zweifel mehr: Das Museum wollte keinen Präzedenzfall für andere Städte schaffen. Ein solcher, so befürchtete man, könnte dazu führen, dass die Museen ausgeräumt würden.
Otto Zondler ging dann auf den Vorschlag des Direktors der Staatsgalerie ein, eine Kopie anfertigen zu lassen. Ein ausgewiesener Fachmann war bereit, für 30 000 Mark den Altar originalgetreu zu kopieren. Die Kosten wollte Zondler durch einen Spendenaufruf einbringen. Diese Pläne gelangten aus verschiedenen Gründen nicht zur Ausführung.
Nach all diesen Enttäuschungen war es für die Kirchengemeinde eine Genugtuung, als die Nürtinger Familie Götz eine Kopie des Altarflügels mit der Geburt Christi durch den Münchner Maler und Restaurator Peter U. Gratmann anfertigen ließ und im Jahr 1979 der Kirche als Leihgabe anvertraute. Während des Jahres hängt das Gemälde an der Nordseite des Kirchenschiffes und in der Weihnachtszeit wird es zur großen Freude der Kirchenbesucher gut sichtbar auf den Altar gestellt.
Rückkehr in Form einer Reproduktion
Dennoch blieben Fragen von Einheimischen und Touristen nach den übrigen Altartafeln nicht aus. Der Schwäbische Heimatbund stellte deshalb im Jahr 2006 Bilder einer talentierten Hobbyfotografin zur Verfügung, die zunächst im Turm und während der Weihnachtszeit im Chor der Kirche aufgehängt wurden. Zwei Jahre später fasste der Vorstand der Nürtinger Ortsgruppe des Heimatbundes den Beschluss, in der Staatsgalerie hochwertige Negative zu erwerben. Erste Probeabzüge in einem speziell dafür ausgewiesenen Fachlabor mit neuer Technologie erbrachten so originalgetreue Wiedergaben, dass sie den Wunsch reifen ließen, von diesen Vorlagen Reproduktionen des gesamten Altars anfertigen zu lassen.
Mittlerweile hatte der Schwäbische Heimatbund nach dem Tod des Sohnes von Otto Zondler ein großzügiges Vermächtnis erhalten mit der Maßgabe, die Erinnerung des Künstlers zu wahren. Was lag näher, als mit diesem Erbe Otto Zondlers einst nicht von Erfolg gekrönten Bemühungen in seinem Sinne zu einem guten Ende zu bringen. Die Kirchengemeinde hat dem zurückgekehrten Altar wieder einen würdigen Platz im Chor von St. Laurentius eingeräumt.
Der Flügelaltar stellt auf fünf Tafeln Szenen aus dem Marienleben dar. Im geöffneten Triptychon erscheint links die Geburt Jesu, in der Mitte ist die Heilige Sippe dargestellt. Die rechte Tafel versinnbildlicht die Krönung Mariens.

 

Prof. Wolfgang Urban