Ritzen und Mobbing unter Jugendlichen nehmen zu

Psychologische Beratungsstellen des Kreisdiakonieverbands legen Bericht vor – 2000 Menschen haben 2016 ihre Hilfe gesucht

Autor: Claudia Bitzer, Nürtinger Zeitung

Gleichbleibend hoch ist die Zahl der Menschen, die in den Psychologischen Beratungsstellen des Kreisdiakonieverbands Esslingen Hilfe suchen, sagt Kreisdiakonie-Geschäftsführer Eberhard Haußmann. Im vergangenen Jahr waren das 1200 Einzelfälle mit rund 2000 Betroffenen.

Die Probleme, mit denen sie in den Anlaufstellen in Esslingen und auf den Fildern aufschlagen, haben sich freilich verändert. „Mobbing an der Schule ist gerade ein ganz großes Thema. Aber auch Selbstverletzungen wie das Ritzen“, berichten Gunhild Ilisei, Leiterin der Esslinger Einrichtung, und ihre Filder-Kollegin Elisabeth Rümenapf übereinstimmend.

Beim Mobbing stehe man dennoch erst bei den Anfängen, verweisen die beiden auf die vielfältigen Kanäle der digitalen Verbreitung. Beim Ritzen, mit dem sich die Betroffenen Erleichterung ihres seelischen Drucks verschaffen wollten, müsse man hingegen unterschieden, wer wirklich von diesem folgenschweren Leiden betroffen sei und wer es nur einmal ausprobiere, um mitreden zu können. Ilisei: „Jeder Zweite in einer Klasse hat sich schon einmal selbst verletzt.“ Dafür sei die Aufmerksamkeitsstörung ADHS, seinerzeit oftmals nur mit einer Laiendiagnose hinterlegt, lange nicht mehr so großes Thema wie noch vor zehn Jahren.

Die kirchlichen Beratungsstellen in Esslingen, Bernhausen und Echterdingen, die von Kreis und Stadt mitfinanziert werden, arbeiten in engem Austausch miteinander und haben ihre Jahresberichte jetzt erstmals unter einem gemeinsamen Layout herausgegeben. Schwerpunktthema war die Beratung von Jugendlichen. Sie richten sich zwar an Menschen jedes Alters. Sie sind aber in der Familien- und Erziehungsberatung, der Lebensberatung oder im Präventionsbereich oft auch mit den Nöten von Kindern und junge Menschen konfrontiert, wenn jene vordergründig nicht die Hauptpersonen oder gar selbst auf die Beratungsstellen zugegangen sind. Zudem bekommen sie Mandanten vom Familiengericht zugewiesen, etwa wenn es ums Sorgerecht geht. „Wir sind auch für alle Fragen des Kinderschutzes zuständig“, so Ilisei.

„Der Anteil von Menschen mit Adipositas – auch bei Kindern und Jugendlichen – hat sehr stark zugenommen“, hat man in der kreisweiten Anlaufstelle für Essstörungen unter dem Dach der Psychologischen Beratungsstelle Esslingen beobachtet. Ilisei macht dafür unter anderem Fast Food, erhöhten Stress in den Familien, zum Teil auch Armutsprobleme verantwortlich. Aber solche Essstörungen hätten immer mehrere Gründe. Ungebrochen ist auch der Bedarf in der Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung, die ebenfalls in Esslingen angedockt ist. Neu sind Angebote für Menschen mit Fluchterfahrung und ihre ehrenamtlichen Begleiter.

Onlineprojekt mit steigendem Erfolg


Dafür läuft unter dem Dach der Filder-Beratungsstelle seit acht Jahren mit immer mehr Erfolg ein Onlineprojekt. Die 40-Prozent-Stelle dafür hat die Fernsehlotterie finanziert. Über einen Server des Kreisdiakonieverbands können die Jugendlichen ihren Liebeskummer oder ihre Probleme mit Eltern oder Clique loswerden. „Auch Suizidgedanken sind durchaus häufig“, berichtet Elisabeth Rümenapf. Die Mitarbeiterin antwortet, teils zieht sich der Mailwechsel über zwei Jahre hin. Wobei die Anonymität immer gewährleistet ist. Rümenapf: „Natürlich versuchen wir gerade bei Suizidgefahr, den Kontakt möglichst eng zu halten, und die Betroffenen auch in unsere Beratungsstelle zu bekommen.“

Sich Hilfe zu holen, wenn die Seele leidet, ist „nicht mehr so schambesetzt“, sagt Hausmann. Mehr als der Hälfte der Ratsuchenden können die Teams – darunter Psychologen, Sozialpädagogen und Therapeuten – helfen. Meist reichen fünf bis sechs Termine, das Ziel heißt Hilfe zur Selbsthilfe. Aber die Beratungsstellen sind so gut vernetzt, dass sie auch diejenigen weitervermitteln können, die mehr Unterstützung brauchen.

Die Psychologischen Beratungsstellen sind an folgenden Orten zu erreichen: Esslingen, Berliner Straße 27, Telefon (07 11) 3 42 15 71 00; Bernhausen, Eisenbahnstraße 3, Telefon (07 11) 70 20 96; Echterdingen, Gartenstraße 2, Telefon (07 11) 7 97 93 68; Nellingen (Außensprechstunde), Riegelstraße 52, Anmeldung über Bernhausen oder Echterdingen.