Mit Leidenschaft und Liebe zur Orgelmusik

© Holzwarth

Antonina Krymova musizierte an der Albiez-Orgel mit jugendlicher Leichtigkeit und großem technischen Können.

In der Reihe „Nürtinger Orgelkonzerte“ musizierte am Samstagabend in St. Johannes die Orgelvirtuosin Antonina Krymova

Nürtinger Zeitung - Pressemitteilung

 

NÜRTINGEN (arc). Die Reihe „Nürtinger Orgelkonzerte“ – als Weiterentwicklung der traditionellen Nürtinger Orgeltage – findet wie bisher in guter ökumenischer Zusammenarbeit statt und präsentierte am vergangenen Wochenende einen einzigartigen musikalischen Leckerbissen. Zu Gast war Antonina Krymova, eine der besten Nachwuchsorganistinnen unserer Tage und der südwestdeutschen Region. Nachdem sie für eine Karriere als Pianistin prädestiniert schien, entschied sie sich – zur Überraschung vieler – gegen den Start einer Karriere und für die Verfolgung einer neuentdeckten Leidenschaft für die Orgel. Ebendiese Leidenschaft und die Liebe zur Orgelmusik bewegte und ergriff die zahlreichen Besucher des Orgelkonzerts in der katholischen Pfarrkirche St. Johannes.

Das Programm wurde eröffnet mit Nicolaus Bruhns Präludium in G-Dur. Es folgt in seinem Aufbau der Norddeutschen Orgelschule mit schnellen Läufen, virtuosen Pedalsoli, zwei Fugen und choralartigen Abschnitten. Antonina Krymova musizierte frisch und lebendig und zeichnete die Charaktere der einzelnen Abschnitte auf geniale Weise durch ihr technisch perfektes Spiel und die entsprechende Registerwahl nach.

Darauf folgte eine kurze Choralbearbeitung von Johann Nicolaus Hanff, über dessen Leben und Wirken nur sehr wenige Details bekannt sind; auch er gehörte zur Komponistengruppe der Norddeutschen Schule. Krymova ließ den Choral „Auf meinen lieben Gott“ mit seinen zahlreichen Verzierungen schlicht im Vordergrund stehen und wählte weiche, warme Registerfarben für Cantus Firmus und Begleitung.

Virtuosität gepaart mit beeindruckender Ausdruckskraft

Eines der gewichtigen Werke des Abends war sicherlich Johann Sebastian Bachs Concerto a-Moll BWV 593, in welchem in einzigartiger Weise die Tutti- und Soloensembles eines italienischen Orchesterkonzerts nachgeahmt werden sollen. Bachs Transkription des feurigen und cantablen Konzertes in a-Moll für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo von Antonio Vivaldi, ist sicher eine seiner interessantesten Arbeiten im weiten Feld der Übertragungen. Antonina Krymova arbeitete in Spiel und Registrierung eine beeindruckende Transparenz heraus. Auch bei diesem Werk zeigte sie einmal mehr ihre Virtuosität in Verbindung mit einer unglaublich beeindruckenden Ausdruckskraft.

Die Leichtigkeit, mit der sie die technischen Hürden der Orgelwerke überwand, war auch bei Mozarts Fantasie für ein Orgelwerk in einer Uhr zu hören. Mozart lebte in einer Zeit wachsender Begeisterung für Maschinen, unter anderem die Musikautomaten, die einen magischen Zauber auf die Musikfreunde der Epoche ausübten. Wenngleich Mozart Bezeichnungen wie Orgelwerk oder Orgelwalze gebraucht, so ist doch im Prinzip immer ein und dasselbe Instrument gemeint: die Flötenuhr. Das ist eine mechanische Orgel wechselnder Größe, die mit einem Uhrwerk gekoppelt ist, das das automatische Abspielen des Orgelwerks in bestimmten, regelmäßigen Zeitabständen ermöglicht. Wichtigster Teil ist eine drehbare Stiftwalze, deren Stifte auf entgegenstehende Hebel treffen, die wiederum die Ventile eines Orgelpfeifenwerks betätigen. Auf die jeweilige Stiftwalze war jenes Musikstück aufgepresst, das regelmäßig abgespielt werden sollte. Diese Flötenuhren waren nicht nur mechanische Sensationen, sondern auch Teil größerer Spektakel. Und genau für ein solches schrieb Mozart seine f-Moll-Fantasie, dessen feierlicher Mittelteil von zwei recht düster anmutenden Adagio-Teilen eingerahmt wird. Antonina Krymova zauberte Spannungsbögen, die den Besuchern beinahe den Atem stocken ließen. Sei es in den äußerst langsamen Ecksätzen oder auch im von Sechzehntelläufen überbordenden Mittelteil.

Zentrales Werk des Abends, von dem auch der Titel des Orgelkonzerts stammte, war Felix Mendelssohn Bartholdys Sonate d-Moll über den Choral „Vater unser im Himmelreich“. Auf einen schlichten Choralsatz zu Beginn der Sonate folgten verschiedene Variationen, eine schöner und emotionaler musiziert als die vorhergehende. Sei es der Sopran-Cantus-Firmus mit den zarten, filigranen Flötenoberstimmen oder der Choralsatz mit einer Basslinie, die an einen Walking-Bass erinnert – die Zuhörer schwelgten und genossen das Ineinanderfließen der verschiedenen Stimmen.

Nach einer „klassischen“ Toccata, unter deren kaskadenartigen Läufen der Cantus Firmus im Pedal erklingt, und einer Fuge im Dreivierteltakt zauberte Krymova einen zart schwingenden Schlusssatz und wählte hierfür wieder die schönen und weitgehend homogenen Flötentöne der Albiez-Orgel.

Mächtig brauste das Schlusswerk des Abends auf: Liszts Bearbeitung des Motivs B-A-C-H. Er schrieb dieses virtuose Werk anlässlich der Einweihung der renovierten Orgel im Merseburger Dom. Wilde Läufe wechseln sich mit mächtigen Akkorden und ganz leisen Zwischentönen ab und Antonina Krymova zeigte auch bei diesem Werk ihr ganzes technisches und musikalisches Können. Sie bewältigte schwierigste Passagen mit jugendlicher Leichtigkeit und wählte die Registrierungen homogen und fein auf den Raum abgestimmt. Die Zuhörer belohnten die junge Künstlerin mit ausgiebigem Applaus, welchen diese gerne mit einer Zugabe beantwortete.