Blütenstaub musikalisch sichtbar gemacht

Die Aufführung von Messiaens’ Werk bescherte den Zuhörern überragende und berührende Momente. Foto: privat

Bei der Stunde der Kirchenmusik in der Nürtinger Stadtkirche wurde Olivier Messiaens’ „Quatuor pour la fin du Temps“ aufgeführt

Die Musik an der Stadtkirche hat sich in den letzten Jahren nicht nur mit hochkarätigen Künstlern, sondern auch durch die inhaltliche Gestaltung ihrer Programme und Bezüge einen Namen gemacht. Dabei spielen christliche, theologische und gerade auch gesellschaftspolitische Themen eine große Rolle. So zählt die Stunde der Kirchenmusik mit dem Titel „Das Ende der Zeit“ am vergangenen Samstag sicher zu den überragenden und berührenden Momenten in der Vielfalt des Konzertangebots in der Stadtkirche St. Laurentius.

Zur Aufführung kam Olivier Messiaens Zyklus „Quatuor pour la fin du Temps“ (Quartett für das Ende der Zeit), das ausgesprochen selten im allgemeinen Konzertleben zu hören und zu erleben ist. Das Ensemble Louange mit Raphaël Schenkel (Klarinette), Martin Klett (Klavier), Gustav Frielinghaus (Violine) und Yves Sandoz (Violoncello) hatte sich mit Sprecher Rudolf Guckelsberger zusammengetan, um dieses einzigartige Werk Messiaens aufzuführen. Dabei erwiesen sich die Ausführenden als bestens aufeinander eingespieltes Team – Worte und Musik ergänzten sich perfekt und verschmolzen zu einer Einheit, die ihresgleichen sucht.

Lang ausgehaltene Töne schwebten frei durch die Nürtinger Stadtkirche

Zaghaft und engelsgleich erklangen die ersten Töne, lang ausgehaltene Töne und Glissandi der verschiedenen Instrumente überlagerten sich und schwebten frei durch die Stadtkirche St. Laurentius. Dann die ersten Worte von Rudolf Guckelsberger: „Morgenstimmung. Ein Vogel singt. Der Himmel erwacht und leuchtet in sanften Farben.“

Guckelsberger nahm die gut 200 Konzertbesucher mit in die Entstehungsgeschichte des Werkes, erläuterte die unglaublichen Umstände, unter denen das Werk komponiert und uraufgeführt wurde: Messiaen war Kriegsgefangener im Konzentrationslager Görlitz, wo er von einem freundlichen, musikliebenden deutschen Soldaten mit Notenpapier versorgt wurde. Uraufgeführt hat er das Quartett in der Kälte des 15. Januar 1941, mit ihm gespielt haben drei ebenfalls gefangene Kameraden.

Das hochkonzentrierte Publikum lauschte den klug formulierten und gesprochenen Worten Guckelsbergers in jedem Augenblick, manch einer versenkte sich mit geschlossenen Augen in die damalige Zeit oder ließ seinen Blick durch die Kirche schweifen. Eine Wohltat, dass nach der Einführung nochmals der erste Satz „Kristallene Liturgie“ des Zyklus erklang.

Die Musiker verstanden es, das Erwachen der Vögel, das Improvisieren der Amsel oder Nachtigall und den klingenden Blütenstaub – so beschreibt es Messiaen selbst in seinen Überschriften der einzelnen Sätze – musikalisch sichtbar zu machen. Manch einem Zuhörer zauberten die Klänge hin und wieder ein „seliges Lächeln“ auf die Lippen.

Im zweiten Satz mit der Überschrift „Vokalise für den Engel, der das Ende der Zeit ankündigt“ erklangen lange, choralartige Melodien von Violine und Violoncello, die an gregorianischen Choral erinnerten. Martin Klett überzeugte mit himmelsgleichen Klavierklängen und feinsten, zarten Akkord-Kaskaden. In den nachfolgenden Sätzen kamen den einzelnen Instrumenten immer wieder solistische Parts zu, dabei zeigten sich alle Musiker mit technisch perfektem, musikalisch herausragendem und gleichsam überirdischem Spiel.

Zu den Höhepunkten des Abends zählte sicher der sechste Satz mit dem Titel „Tanz des Zorns, für die sieben Posaunen“. Mit einprägsamen Rhythmen ahmten die Instrumente unisono die Klänge von Gongs und Posaunen nach. Auch hier brachte das Ensemble Louange energisch und fordernd und im musikalischen Duktus nie nachlassend Messiaens Komposition zum Klingen. Manch einem Zuhörer dürfte es bei dieser „Musik aus Stein“ einen kalten Schauer über den Rücken gejagt haben.

Den Schlusspunkt des Abends setzte Gustav Frielinghaus mit dem letzten Satz unter dem Titel „Lobpreis auf die Unsterblichkeit Jesu“, der als breit angelegtes Geigenstück das Gegenstück zum Solo des Violoncellos im fünften Satz bildet. Immer wieder steigen Melodielinien in höchste Höhen auf, und Frielinghaus verstand es, die Zuhörer mit seinem feinen und intonationssicheren Spiel in den Bann zu ziehen.

Nach einigen Minuten der Stille bedankten sich die Zuhörer mit überbordendem Applaus bei den Künstlern. Viele waren zutiefst bewegt von diesem einzigartigen Konzertabend und der ganz besonderen Atmosphäre und Stimmung, die schwer in Worte zu fassen ist.