Luther in der Turmbibliothek

Vorreformatorisch: das Konstanzer Missale von 1485 (in Basel gedruckt und später handkoloriert). Fotos: Holzwarth

Eine wahre Schatzkammer – das ist die Turmbibliothek in der Nürtinger Stadtkirche Sankt Laurentius. Und natürlich finden sich dort auch Spuren der Reformation, die vor einem halben Jahrtausend in Wittenberg begann. Kustos Albrecht Braun hat sie Jürgen Gerrmann gezeigt.


Freilich: Es ist nicht etwa so, dass die Geschichte der Turmbibliothek erst mit Martin Luther oder der Reformation begänne. Nein, Albrecht Braun hütet noch ältere Schätze.

Zum Beispiel ein großes Konstanzer Missale aus dem Jahr 1485, das in Basel gedruckt und danach handkoloriert wurde. Das liturgische Buch lag auf einem Pult, während des Gottesdienstes wurde daraus gelesen oder gesungen. Braun: „Gebete, Gesänge und Textlesungen im Ablauf der Messe sind darin festgehalten. Für bestimmte Termine. Das ganze Jahr über.“

Wobei einzelne Bistümer unterschiedliche Schwerpunkte setzten. Nürtingen gehörte damals zum Konstanzer. Und daher benutzte man auch in der Zeit bis zur Reformation ein Konstanzer Missale: „Für diese Zeit war das ein schöner zweifarbiger Druck. Und der war ganz bestimmt nicht billig. Er kostete etwa den Gegenwert mehrerer Rinder“, sagt der Kustos.

32 Jahre nach dessen Druck sorgte ein Professor aus Wittenberg für Furore, in dem er seine 95 Thesen in die Welt setzte. Ihnen begegnet man in der Turmbibliothek natürlich auch.

Stolz ist Albrecht Braun nicht zuletzt auf zwei Konvolute mit frühen reformatorischen und vor allem Luther-Schriften: „Insgesamt über 30.“

Eigentlich handelt es sich dabei um Einzeldrucke in Heftform, die rasanten Absatz fanden. Glücklicherweise hat sie jemand in jener Zeit noch zusammenbinden lassen: „Wenn jeder für sich allein geblieben wäre, wären sie zerfleddert worden.“

Wittenberg war vor rund 500 Jahren die fortschrittlichste Universität im Reich und quasi der Nabel der reformatorischen Welt. „Das war modern, dorthin sind alle geströmt“, unterstreicht Braun: „Tübingen war vor allem theologisch noch im Alten befangen. Das hat sich erst in der nächsten Generation geändert.“

Diese Sammlung früher Luther-Schriften hat vermutlich jemand von weit her mitgebracht, lautet Brauns These: „Es spricht sehr viel dafür, dass sie aus Privatbesitz stammt und nicht von Anfang an in Nürtingen war. Ich könnte mir vorstellen, dass sie später gekauft wurde, um sie für Kirche und Schule zu verwenden.“

Deren Ausstattung oblag nämlich ab 1526 dem Nürtinger Spital, das sich um Pfarr- und Lehrstellen, Mobiliar und Bücher zu kümmern hatte. Und diese Einrichtung sorgte wohl auch dafür, dass eine maßgebliche Ausgabe von Luther-Schriften dort ihren Platz fand – übrigens noch in lateinischer Sprache. Den „ersten Band der berühmten Jenaer Ausgabe von 1556“ zählt Braun zweifelsohne zu den reformatorischen Prunkstücken der Turmbibliothek.

„Deutsch war wichtig für das breite Publikum“, sagt Braun. Man habe Wert darauf gelegt, Luthers Schriften überregional im Druck bekannt zu machen. Darin liege ja auch die Bedeutung des Reformators für die deutsche Sprache. Für ihn habe der damalige Sprachgebrauch zwischen Sachsen und dem nördlichen Bayern eine große Rolle gespielt: „Luther hat kein neues Deutsch erfunden. Aber er hat versucht, eine Sprache zu konzipieren, die überall verstanden würde.“

Freilich: „Die theologische Diskussion an den Universitäten in jener Zeit wurde auf Latein geführt.“ Und daher finden sich in der Turmbibliothek auch noch nach der Reformation eine Menge Bücher in dieser klassischen Sprache. Auch mit höchst interessanten „Gebrauchsspuren“: Lehrer oder Pfarrer machten sich da schon mal auch Notizen oder Querverweise.

Spektakulär ist auch eine sogenannte „Kurfürstenbibel“ mit den Bildern der sächsischen Kurfürsten. Sie ist zwar kein unmittelbares Zeitzeugnis der Reformation, weil sie erst 1652 bei Wolfgang Endter in Nürnberg gedruckt wurde. Aber bedeutsam ist sie dennoch: Die Franken-Metropole und Freie Reichsstadt war sehr selbstbewusst und hatte „auch als Stadt eine große Ausstrahlung“ (so Braun). Die Verlegerdynastie Endter war ebenfalls über Jahrhunderte hinweg weithin berühmt, und das spürt man auch, wenn man diesen prachtvollen Band betrachtet.

Bleibt nur die Frage: Warum verfügt gerade die Nürtinger Turmbibliothek über eine derartige Vielfalt bibliophiler Schätze? Die Antwort ist weitaus unspektakulärer, als sie sich so mancher ausmalen mag. „Lange Zeit hatte man es im reichen Nürtingen nicht nötig und auch nicht daran gedacht, die Bücher zu verkaufen. Das war erst im 19. Jahrhundert der Fall. Da freilich hat sich kaum einer dafür interessiert“, meint Braun.“

Und so fehlen von den alten theologischen und liturgischen Büchern (im Gegensatz zu größeren und bedeutenderen Orten wie Esslingen) in der Turmbibliothek, der alten Libey Sancti Laurentii, nur ganz wenige. Der Kustos: „Eine noch fast komplett erhaltene spätmittelalterliche Prediger-Bibliothek zu besitzen – das ist schon was Besonderes.“

Manchmal kann es halt auch ein Glück sein, etwas im rechten Moment zu vergessen.