Licht auf den Spuren der Hölderlins

In der Nürtinger Turmbibliothek kann man sehen: Die Vorfahren des heute vor 251 Jahren geborenen Dichters waren schon lange vor dessen Nürtinger Zeit mit der Stadt am Neckar verbunden. Zudem zeichnet sich ein Bild der kulturgeschichtlichen Umstände erkennbar.

Nürtinger Zeitung - Andreas Warausch

© Just

Das Bild ist eine Vergrößerung des lateinischen Eintrags links neben dem Emblem: "Sum M. Hölderlin. Nürtingensis Anno 1636" bedeutet frei übersetzt "Ich gehöre Magister Hölderlin aus Nürtingen, im Jahres des Herrn 1636". Der Name des Vorbesitzers ist auf der anderen Seite des Emblems ausgeschnitten.

Bücher erzählen Geschichten. Eine Binsenwahrheit. Eulen nach Athen getragen. Oder eben Bücher in die Bibliothek. Doch sie erzählen nicht nur die Geschichten, wegen derer sie verfasst wurden, gelesen und gesammelt werden. Sie berichten auch, wer sie besessen hat, werden damit oft zu Zeugen einer Existenz. Sie geben Hinweise darauf, wo jemand gelebt hat, wo er gewirkt hat, was und wie er gewirkt hat. Bücher zeigen auch, wie die Menschen einstmals dachten, was ihnen wichtig war.


Wer dieser Spur der Bücher folgt, wird Teil jenes Fortlaufs des Seins, der sich in dem manifestiert, was wir Geschichte nennen. Dieser Prozess verhindert, dass sich jenseits religiöser Überzeugungen unsere vergängliche Existenz eines Tages vereinzelt ohne Sinn und Bleibendes im Nichts auflöst. Denn wer den Schleier der Äonen für einen Moment lüftet, der erhascht einen Blick auf die wahre Gestalt des Laufs der Dinge, auf jene Geschichte, die wir Geschichte zu nennen pflegen. In der alles und jeder seinen Platz hat und eben nichts im Nichts endet, ja, eben nichts im Nichts enden kann. Tröstlich ist das Werk jener Archäologen des Geistes im Angesicht unentrinnbarer Gewissheiten.

Das macht die Faszination alter Dinge und ihrer Geschichte aus. Dass wir, wenn wir ihren Platz erkennen, unseren Platz erkennen. Das wir sehen, wie etwas mit etwas anderem zusammenhängt. Wie jemand oder gar wir mit jemand anderem zusammenhängen. Wenn es also nicht nur der Inhalt eines Buches ist, der uns den Weg von der Gegenwart in die Vergangenheit weist, sondern das Buch und seine Seinsgeschichte selbst – fühlen wir uns noch mehr berührt. Dann ist die Lektüre des Buches nicht nur ein klingend hörbares Gespräch mit einem Unbekannten über die Schwellen der Zeit und der Vergänglichkeit hinweg. Dann ruft sie eine berührend spürbare Ahnung hervor, die uns forthin begleitet.

Wer zu diesem Zweck der Spur der Bücher folgen will, kann froh sein, wenn er einen Lotsen hat. Einen, der Wege schon gegangen ist und bereit ist, weitere und neue zu gehen. Weil er das Rüstzeug, das Wissen, die Beharrlichkeit, den Mut und die Demut für solche Wege hat. Ein solcher Lotse ist Albrecht Braun. Im Kosmos der 1500 Bände der Turmbibliothek in der Nürtinger Laurentiuskirche kennt sich keiner aus wie der 1943 geborene Dekanssohn, der es nach seiner Karriere als Französisch- und Lateinlehrer als Privileg auffasst, für diese unschätzbare Sammlung Nürtinger Gelehrsamkeit zuständig zu sein. Einer, der bereit ist, Spuren zu suchen, die oftmals dorthin führen, wo sie Licht auf zwischen den Buchdeckeln verborgene Geschichte und Geschichten werfen.

Wer an Nürtinger Gelehrsamkeit denkt, denkt an Friedrich Hölderlin. Philosophischster aller Dichter. Manchem der Dichter schlechthin. Der die Fähigkeit zur Erkenntnis und ihrer vollkommensten Vermittlung eben den Dichtern zuschrieb. „Was bleibet aber stiften die Dichter“, fasste der am 20. März vor 251 Jahren geborene größte Sohn der Stadt Nürtingen dieses Credo zusammen – und meinte damit so viel mehr als nur die Zeilen auf dem Papier. Im Schatten jenes Turmes, der nun die Bibliothek beherbergt, wuchs er auf, lernte er, betete er, lebte er, wirkte er. Dass er Zugang zur Bibliothek hatte, ist denkbar, nicht bewiesen. Welche Spuren finden sich also dort? Von ihm? Welche Spuren führen zu ihm? Und welche Spuren nicht? Welche nur vielleicht? Ein Dreiklang bietet sich an. Und auf zwei dieser Wege fällt Licht auf die Familiengeschichte der Hölderlins in Nürtingen. Mal deutlicher, mal eher zu ahnen.

Hier sind handschriftliche Einträge in diesem Buch aus dem Jahr 1761 zu sehen. Auf der linken Seite sind die Jungen vermerkt, auf der linken Buchseite in der auf dem Bild zu sehenden dritten Zeile von unten ein "Wilhelm Heinrich Hölderlen" und in der untersten Zeile ein "Joh. Conrad Bilfinger" - ein Bilfinger ist später Pate des Dichters Friedrrich Hölderlin Auf der rechten Seite sind die Mädchen aufgeführt: In der zu sehenden vorletzten Zeile von unten eine "Christina Barbara Hölderlin".

Auf dem Bild ist der Titel der in der Nürtinger Turmbibliothek vorhandenen zweiten Auflage von 1740 zu sehen.

Spur eins: Ein Buch zur in Württemberg im Jahr 1723 eingeführten Konfirmation. Das Buch, von dessen zweiter Auflage aus dem Jahr 1740 ein Exemplar in der Turmbibliothek steht, dokumentiert die Neuerung der Konfirmation. Mit „Evangelischer Unterricht“ beginnt der Titel des Buchs aus dem Cotta-Verlag, der in Stuttgart und Tübingen firmierte. Im weiteren Titel wird klar: Es geht darum, wie die „Confirmation“ als „Tauffs-Bunds-Erneurung“ vorgenommen werden soll. Im Buch wurden auf eingefügte Leerseiten die Namen der Nürtinger Konfirmanden von 1723 bis 1769 handschriftlich von den Pfarrern vermerkt. Bis 1742 gab es Nachträge, dann wurde zeitnah eingetragen.Die Namen „Holder“ und „Holderin“ sowie „Hölder“ und „Hölderin“ tauchen bis 1769 mindestens sechsmal auf, „Hölderlin“ und „Hölderlinin“ sowie „Hölderlen“ 17-mal. Albrecht Braun vermutet, dass das Prozedere so weiterging. Aber: „Leider sind die späteren Jahrgänge, also auch die des Dichters und seiner Geschwister, nicht mehr in dieses Buch eingetragen worden.“Braun wagt es, die Bedeutung dieser Namensnennungen für die Familiengeschichte des Dichters in Nürtingen einzuschätzen: „Hölderlin wird vom Namen her als Einheimischer wahrgenommen worden sein“, glaubt er. Allerdings vermutet er, dass man ihn vielleicht auch falsch zuordnete oder gar fragte, zu wem er denn nun gehöre. Sein leiblicher Vater, sein Großvater und deren Vorfahren weiter zurück in der Ahnenreihe haben vielleicht Nürtingen gelegentlich besucht. Dauerhaft gewohnt haben sie hier aber nicht, hält Braun fest.

Für den Umzug sprachen auch verwandtschaftliche Beziehungen

Nicht nur diese Familienbande könnten eine Rolle für die Mutter des Dichters gespielt haben, als sie mit ihrem zweiten Mann Johann Christoph Gok von Lauffen nach Nürtingen zog. Denn nicht nur Gok war in Lauffen ein guter Bekannter der Hölderlins, sondern auch Oberamtmann Karl Friedrich Bilfinger. Der war Friedrich Hölderlins Taufpate und wurde vorübergehend Vormund von dessen verwitweter Mutter – und dann Oberamtmann in Nürtingen. Dass auch Bilfinger hierher verwandtschaftliche Beziehungen hatte, könnte der Eintrag „Joh. Conrad Bilfinger“ im Konfirmationsbuch für das Jahr 1761 andeuten.

Doch es gibt eine zweite Spur, bei deren Verfolgung Licht auf die Nürtinger Genealogie des Dichters fällt – und die direkte Nürtinger Verwandte beleuchtet. Zurück ins Jahr 1636. Zum Inventar der Nürtinger Turmbibliothek gehört ein Buch, das just in jenem Jahr einen handschriftlichen Vermerk verpasst bekam, der einen gewissen „Magister Hölderlin“ als dessen Besitzer ausweist. Es ist, erklärt Braun, die griechisch-lateinische Fassung eines „Catechismus“, einer Glaubensschule also, und eines kleinen Katechismus von Luther – bemerkenswerterweise in beiden antiken Weltsprache – und in dichterischer Sprache.

Verfasser ist Lorenz Rhodomann, Herausgeber und Kommentator Balthasar Coppius, der an der bedeutenden Lateinschule in Wittenberg unterrichtete. Das Buch zeige, erklärt Braun, die damalige Überzeugung der Gelehrten, dass man nicht nur Lateinisch fließend sprechen können sollte, sondern auch das Griechische ähnlich perfekt beherrschen sollte. Welch Vorgriff auf die Liebe des Dichters Hölderlin zur griechischen Sprach- und Ideenwelt!

Alexander Hölderlin wurde Pfarrer

Für Braun ist diese Einstellung Ausdruck der Sprachbesessenheit in der theologischen Ausbildung. Der Herr Magister Hölderlin erstand dieses Buch von einem Vorbesitzer. Es könnte ein Kommilitone im Tübinger Stift oder in der Klosterschule Maulbronn gewesen sein. Dessen Namen schnitt er aus, man findet aber noch Unterstreichungen im Band, die auf ihn zurückgehen müssen. Der Kauf, meint Braun, spielte sich also während des Studiums oder später während des Vikariats ab. Nach einigen Stationen wurde er jedenfalls Diakon in Weilheim unter der Teck. Sein Name ist Alexander Hölderlin. Er ist ein direkter Vorfahre des Dichters.

Interessant ist es, die Linie schon eine Generation vorher zu verfolgen. Alexanders Vater Johannes ist in Nürtingen Tuchmacher und Bürgermeister, im heutigen Sinne eher ein Beigeordneter. Er heiratet 1607 Anna Maria Wolfhard, deren Vater Spezial in Nürtingen war – heute würde man ihn Dekan nennen. Sohn Alexander, der später wie der Großvater mütterlicherseits Pfarrer wird, ist in Nürtingen geboren. Mit seinem Weg zu den Pfarrstellen verlassen Hölderlins direkte Vorfahren Nürtingen.

Wie kommt dann das Buch vom „Catechismus“ aus dem Besitz des älteren Alexanders in die Turmbibliothek? Man kann nur mutmaßen, sagt Braun. Alexanders Eltern lebten weiter in Nürtingen. Vielleicht brachte er das Buch einmal dorthin mit – und ließ es da.

Alexanders Kinder sterben oft früh. Seinen 1638 geborenen ältesten Sohn aber, der seinen Vornamen trägt, ereilt dieses damals nicht unübliche Schicksal nicht. Und: Auch dieser jüngere Alexander wird also Pfarrer und nach einigen Stationen gar Nachfolger des Vaters in Weilheim. Hier sieht Braun einen faszinierenden Bezug zum Leben des Dichters im darauffolgenden Jahrhundert. Denn auch Friedrichs Mutter sollte später in Nürtingen den Wunsch hegen, dass ihr Sohn Pfarrer wird wie ihr Vater. So könnte sich das auch einige Generationen vorher die Mutter der älteren Alexanders, die Dekanstochter, gewünscht haben.

Dass sich die Mutter für den zum freigeistigen Dichter geborenen Denker Friedrich inbrünstig die ihrerseits familiär angelegte Pfarrerslaufbahn wünschte, hat man ihr oft vorgeworfen. Zu Recht? „Mit dem theologischen Studium ist man in der württembergischen Ehrbarkeit angekommen“, erklärt Albrecht Braun. Diese Ehrbarkeit pflegte einen besonderen Lebensstil. Mit Friedrich Hölderlin hatte man etwas Größeres vor. Wie im Falle des großen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel, im Tübinger Stift Hölderlins Zimmergenosse, sollte sich der Sohn in die beamtisch-geistliche Familientradition einreihen.

Diese Kaste der Ehrbarkeit, sagt Braun, befürchtete nach dem Dreißigjährigen Krieg den sozialen Abstieg, wie man es von modernen Gesellschaften vom Mittelstand kennt. Der Ehrbarkeitsehrgeiz der Mutter sollte den Sohn in diesen gesellschaftliche Sphären der angesehenen Geistlichkeit halten – zumal sie das Geld für die Ausbildung hatte. „Es ist kein Stand im eigentlichen Sinn“, sagt Braun. Es ist eine gesellschaftliche Beziehungsgruppe, die sich aus Beziehungen und gemeinsamen Ansprüchen ergibt. Es ist eine Parallele von den ersten Pfarrern der Hölderlin-Linie, die mit den beiden Alexandern begann. Und natürlich gibt es die Parallele zur Verwandschaft der Mutter.

Doch Albrecht Braun verweist auf eine weitere faszinierende Spur, die sich durch diesen direkten Familienzweig des Dichters zieht. Der jüngere Alexander hat viele Kinder. Unter ihnen ein Bader, ein studierter Medicus, ein Pfarrer – und ein Sohn namens Johann Konrad Hölderlin, getauft 1672 in Neidlingen, der unter anderem Pfleger in Großbottwar und Klosterhofmeister in Lauffen wird. Er ist der Urgroßvater des Dichters, und mit ihm beginnt eine Linie geistlicher Verwalter. Des Dichters Großvater Friedrich Jakob Hölderlin folgt ebenfalls als Klosterhofmeister und geistlicher Verwalter in Lauffen. Und dann kommt da tatsächlich als Nächster der Lauffener Klosterhofmeister Heinrich Friedrich Hölderlin, der kein Geringerer als der leibliche Vater des weltberühmten Dichters Friedrich Hölderlin ist.

Es ist eine Profession, die dem höheren Beamtendienst vergleichbar ist. Braun sagt: „Das waren keine kleinen Leute.“ Durchaus auch Studierte, wovon die Matrikelnummer vom Vater und Großvater zeugt. Es waren Menschen, die großen Besitz ansammelten.

Indes darf nicht vergessen werden: Schon viel früher gibt es im Stammbaum der Nürtinger Hölderline geistliche und weltliche Verwaltungsbeamte. Der erste Schritt zurück führt wieder zum Tuchmacher und Bürgermeister Johannes Hölderlin. Wir erinnern uns: Er war der Vater des ersten Alexander Hölderlin, der in den angesehenen Pfarrerrang aufstieg und dem wir den dichterischen „Catechismus“ in Griechisch und Lateinisch in der Turmbibliothek verdanken.

Von Vater Johannes aber gehen wir nun einen und noch einen Schritt zurück – und treffen auf dessen Vater Michael Hölderlin, der Fischer und Gerichtsverwandter in Nürtingen war. Beim namensgleichen Großvater Johannes landen wir in einer Lebensspanne, die von 1525 bis 1585 reichte. Er war Bürgermeister und Bader, was man als so etwas wie ein nicht studierter Allgemeinarzt beschreiben könnte.

Welche Bücher besaß Friedrich Hölderlin selbst?

Auf dieser genealogischen Ebene zweigten die späteren Nürtinger Verwandten ab, von „Bader-Hans“ und der Frau erster Ehe stammen die Vorfahren des Dichters ab. In zweiter Ehe heiratete er übrigens Barbara Blankenhorn, die als „Affenbärbel“ bekannt wurde, weil ihr vorhergehender Ehemann Hans Kaiser für den herzöglichen Zoo samt Affen zuständig war.

Doch neben den genealogischen Spuren sind in der Turmbibliothek auch noch andere Bezüge zum Dichter und dessen Welt zu finden, die diese Spurensuche für heute abrunden und beenden können. Albrecht Braun hat sich dafür die Nachlassbuchliste Hölderlins angeschaut. Was steht da drauf und was steht zugleich in der Turmbibliothek? Ein Zusammenfallen übrigens, das sich sonst nur in ganz wenigen Fällen nachweisen lässt. Was aus der Sammlung steht also für die Lese- und Denkwelt der damaligen Zeit, den Bildungshorizont des Dichters? Braun ist dabei auf ein mehrbändiges Werk von Immanuel David Mauchart zur „empirischen Psychologie“ gestoßen. In Tübingen müssen sich die beiden über den Weg gelaufen sein, sagt er: Mauchart als Repetent, also Tutor, Hölderlin als Stiftsstudent. Später müssten sie sich auch in Nürtingen begegnet sein, denn da war Mauchart von 1793 bis 1803 Diakon, also zweiter Pfarrer.

Braun erwähnt freilich Peter Sindlingers treffliches Buch über Mauchart, in dem dieser den Weg von der Kirchstraße hinunter zum Siechenhaus am Neckar beschreibt, wo Mauchart habe mit den Insassen ins Gespräch kommen wollen. Wie Hölderlin indes Maucharts Buch konkret in die Hände bekommen hat? Man weiß es nicht. „Vielleicht hat es ihm Mauchart sogar geschenkt?“, meint Braun. Auf jeden Fall zeigt dieser Besitz, dass die Stiftsstudenten auch allerhand anderes außer Theologie im Kopf hatten: Sprachen, Philosophie, ja Psychologie.

Nicht nur dieser Bezug steht für das geistige Klima damals. Aus der Turmbibliothek hat Braun für diese Spurensuche noch ein kleines Bändchen aus dem Jahr 1772 gefunden. „Gott-geheiligte Poesie zu der Kirchenmusik“ ist extra für Nürtingen konzipiert worden. Die wichtige Nürtinger Lateinschule, die Hölderlin besuchte, habe bei der Gestaltung der Kirchenmusik mitgewirkt, so Braun. Das Büchlein gehörte zu einem sonntagnachmittäglichen Konzert mit einem kleinen Kantatengottesdienst. Das Konzertprogramm findet sich darin, und eine Beschreibung. Im vorliegenden Exemplar geht es um den Besuch des zwölfjährigen Jesus im Tempel.

Die kirchenmusikalische Tradition sei also wichtig gewesen in Nürtingen. Als Hölderlin hierher zog, sei das Hören von Kirchenmusik am Sonntag üblich gewesen. Überhaupt sei für den Dichter Musik bedeutsam gewesen. Relativ früh habe er Klavierunterricht gehabt, später dann auch Flötenunterricht. Und schließlich habe er einmal von Tübingen das Zusenden seiner Flöte aus Nürtingen gefordert.

Einmal mehr erzählen die Bücher also Geschichten zur Geschichte. Lassen Spuren erahnen und manchmal ganz deutlich werden. Gewähren Ahnung und wecken Ahnungen. Helfen, unseren Platz zu finden, in dem wir den anderer erkennen. Und so ist diese bibliophile Spurensuche auch ein Jahr nach dem großen Hölderlingeburtstag mehr als ein Fingerzeig dafür, den Platz der Stadt in der Geschichte des großen Dichters und seiner Familie zu sehen.

Hier zu sehen sind die beiden in der Turmbibliothek vorhandenen Bände von Maucharts bekanntestem Werk. Mauchart hat sie der Spitalbibliothek, damals der modernere Teil der mit der alten Kirchenbibliothek vereinigten Bibliothek, gewidmet, das Werk findet sich auch auf Hölderlins Nachlassliste

Das Büchlein „Gott-geheiligte Poesie zu der Kirchenmusik“ (1764 und 1772, mit verschiedenem Inhalt) ist extra für Nürtingen konzipiert worden, rechts zu sehen die Ausgabe von 1772 aus der Turmbibliothek.

Braun erwähnt freilich Peter Sindlingers treffliches Buch über Mauchart, in dem dieser den Weg von der Kirchstraße hinunter zum Siechenhaus am Neckar beschreibt, wo Mauchart habe mit den Insassen ins Gespräch kommen wollen. Wie Hölderlin indes Maucharts Buch konkret in die Hände bekommen hat? Man weiß es nicht. „Vielleicht hat es ihm Mauchart sogar geschenkt?“, meint Braun. Auf jeden Fall zeigt dieser Besitz, dass die Stiftsstudenten auch allerhand anderes außer Theologie im Kopf hatten: Sprachen, Philosophie, ja Psychologie.


Nicht nur dieser Bezug steht für das geistige Klima damals. Aus der Turmbibliothek hat Braun für diese Spurensuche noch ein kleines Bändchen aus dem Jahr 1772 gefunden. „Gott-geheiligte Poesie zu der Kirchenmusik“ ist extra für Nürtingen konzipiert worden. Die wichtige Nürtinger Lateinschule, die Hölderlin besuchte, habe bei der Gestaltung der Kirchenmusik mitgewirkt, so Braun. Das Büchlein gehörte zu einem sonntagnachmittäglichen Konzert mit einem kleinen Kantatengottesdienst. Das Konzertprogramm findet sich darin, und eine Beschreibung. Im vorliegenden Exemplar geht es um den Besuch des zwölfjährigen Jesus im Tempel.

Die kirchenmusikalische Tradition sei also wichtig gewesen in Nürtingen. Als Hölderlin hierher zog, sei das Hören von Kirchenmusik am Sonntag üblich gewesen. Überhaupt sei für den Dichter Musik bedeutsam gewesen. Relativ früh habe er Klavierunterricht gehabt, später dann auch Flötenunterricht. Und schließlich habe er einmal von Tübingen das Zusenden seiner Flöte aus Nürtingen gefordert.

Einmal mehr erzählen die Bücher also Geschichten zur Geschichte. Lassen Spuren erahnen und manchmal ganz deutlich werden. Gewähren Ahnung und wecken Ahnungen. Helfen, unseren Platz zu finden, in dem wir den anderer erkennen. Und so ist diese bibliophile Spurensuche auch ein Jahr nach dem großen Hölderlingeburtstag mehr als ein Fingerzeig dafür, den Platz der Stadt in der Geschichte des großen Dichters und seiner Familie zu sehen.

Der Dichter Friedrich Hölderlin
Geboren wurde Friedrich Hölderlin als Sohn des Klosterhofmeisters Heinrich Friedrich Hölderlin (1736-1772) und der Pfarrerstochter Johanna Christiana Hölderlin, geborene Heyn (1748-1828) am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar. Nach dem Tod des Vaters heiratete die Mutter 1774 Johann Christoph Gok (1748-1779), Weinhändler und später auch Bürgermeister in Nürtingen – und zog eben dorthin. In späteren Jahren kehrte der Dichter immer wieder nach Nürtingen zurück, ehe er ab 1807 krank im Tübinger Turm lebte.

Genealogie, Buch, Ehrbarkeit
Die direkte Ahnenreihe der Vorfahren des Dichters Friedrich Hölderlin recherchirerte Albrecht Braun auf der Homepage des Projekts „Württembergische Kirchengeschichte Online“ der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und des Vereins für württembergische Kirchengeschichte unter www.wkgo.de.
Zur Rolle der sogenannten „Ehrbarkeit“ sei auf Gabriele Haug-Moritzs Buch „Die württembergische Ehrbarkeit: Annäherungen an eine bürgerliche Machtelite“ verwiesen. Das hier zitierte Buch aus dem Besitz von Alexander Hölderlin stellt Albrecht Braun im April unter www.zentralbibliothek.elk-wue.de als „Das besondere Buch des Monats“ auf der Homepage der Evangelischen Zentralbibliothek vor.