Unsere Osterkerze Anno Domini 2019

Seit vielen Jahren schon gestaltet Wolfgang Jaudas die Osterkerze für unsere Stadtkirche. Heuer hat er so viel Arbeit investiert wie noch nie, fast einhundert Stunden, damit wir zuerst in der Osternacht und dann in allen folgenden Gottesdiensten das Geheimnis der Auferstehung Christi bildlich vor Augen hätten.

Anastasis oder die Höllenfahrt Christi
Als Motiv hat Herr Jaudas dieses Mal das Auferstehungsbild der Ostkirche gewählt, wie es auf ungezählten Anastasis-Ikonen zu sehen ist: Die Höllenfahrt Christi. Indem Christus stirbt und selbst ins Totenreich hinabsteigt, erobert der die Zwingburg des Todes und errettet alle dort Eingekerkerten (bei uns im Gesangbuch z. B.  EG 66, 2+3). Vor Christus, dem Sieger, zerreißen die Felsen, werden die ehernen Tore aus ihren Angeln gerissen, öffnen sich die Tore der Finsternis. Erzählte Dogmatik, die aus christologischer Deutung und schriftgelehrter Kombination von 1. Könige 19,11,  Hiob 38, 17, Psalm 107, 10 + 6, Jona 2,7 und Jesaja 45, 1+2 gewonnen wurde. In die Nachtschwärze des Todes fällt das österliche Licht. Die Toten erkennen einander, werden der tödlichen Lähmung entrissen und beginnen sich gegenseitig mit Bibelversen Mut zu machen und den Tod zu verspotten. Und schließlich folgen sie Christus, dem Anführer zum Leben (Apg 3,15), aus dem Totenreich ins Paradies, heraus aus dem Tod hinein ins Leben, hinauf aus der Nacht ins Licht: ein nicht endender Zug der Befreiten. ER als Herzog voraus, wir ihm nach. Wie sie in Adam alle sterben, werden sie in Christus alle lebendig gemacht (1. Kor 15,22).     

Drei  plus zwölf Kreuze
Das Kreuz Christi gerahmt von den beiden Kreuzen der Schächer kennen wir. Zusätzlich sehen wir am Fuß der Osterkerze weitere zwölf Kreuze. Für jeden der zwölf Stämme Israel eines. Sie repräsentieren das Leiden des jüdischen Volkes, wie es den ersten Hörern des  Markusevangeliums verstörend gegenwärtig war. Bei der Belagerung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. ließ der römische Feldherr und spätere KaiserTitus die vor Hunger aus der Stadt flüchtende Juden  ergreifen und zur Schwächung der Wehrmoral der Belagerten angesichts der Stadtmauer Jerusalems kreuzigen. Es waren täglich mehr als fünfhundert. Josephus (37/38 n. Chr. – nach 100) berichtet davon in seinem „Jüdischen Krieg“ (5, 449ff): „Die [römischen] Soldaten nagelten nun in ihrer gewaltigen Erbitterung die Gefangenen zum Hohn in den verschiedensten Körperlagen an, und da ihrer gar so viele waren, gebrach es bald an Raum für die Kreuze und an Kreuzen für die Leiber.“
Das Kreuz Jesu ist eines von Tausenden. „Bei Markus wird Jesus durch seinen Kreuzestod nicht vom jüdischen Volk getrennt, sondern im Gegenteil mit ihm verbunden. Die Passion des einen entspricht der Passion des ganzen Volkes, welche in den Massenhinrichtungen des Jüdischen Krieges ihr schreckliches Sinnbild fand. Und so weist Markus in 15,27 Jesus jenen Platz zu, der ihm von der Sache her gebührte: mitten unter den Kreuzen der zelotischen ‚Räuber‘.“

Das Kind
Wer genau hinschaut, sieht, dass auf unserer Osterkerze Jesus ein Kind vor sich hat, das als erstes das Paradies erreicht. Jesu Jünger verhandeln auf dem Weg, wer der Größte sei. „Und er [Jesus] setzte sich und rief die Zwölf und sprach zu ihnen: ‚Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.‘ Und er nahm ein Kind, stellte es mitten unter sie und herzte es und sprach zu ihnen: ‚Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.‘“ (Markus 9, 35-37).
„Beim griechischen Wort für ‚Kind‘ das hier verwendet wird (paidion) hört man das Wort für ‚Sklave‘ (pais) mit. Gemeint ist nicht das Kind im Blick auf die Beziehung zu den Eltern, dafür gibt es ein eigenes Wort (teknon), sondern das Kind im Blick auf seine Rangstufe innerhalb der Gesellschaft. Kinder in der Antike stellen eine mögliche Einnahmequelle für ihre Eltern dar. Sie können für diverse Arbeiten in fremden Häusern ‚vermietet‘ werden. Bei Gastmählern müssen sie kleine Dienste verrichten: den Gästen die Schuhe ausziehen, ihnen Wasser zum Händewaschen bringen usw. … In der Rangfolge der gesellschaftlichen Stufenleiter steht es ganz unten. Jesus nimmt es als Exempel und stellt es … in die Mitte. Sowohl vom griechischen Terminus her als auch im Blick auf den szenischen Kontext ist mit ‚aufnehmen‘ die gastliche Aufnahme in die Tischgemeinschaft gemeint: Der die niedrigsten Dienste bei Tisch verrichtet, bekommt den gleichen Platz wie alle anderen. Die ‚Aufnahme‘ eines ‚Kindes‘ wird damit zum Extrembeispiel für die Rangstufenveränderung in der Gemeinde.“
Der Weg ins Leben ist der Weg der Nachfolge Jesu. Die Kreuzesnachfolge ist der Weg ins Leben.

Ihr Pfarrer Markus Lautenschlager