„Die beiden sind unbezahlbar“

Am Sonntag wurden die Bezirkskantoren Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo in der Nürtinger Stadtkirche verabschiedet

Beim Evensong erklang die Bachkantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“.

16.07.2019, Von Peter Dietrich

Wenn ein guter Fußballer den Verein wechselt, fließen oft beträchtliche Ablösesummen. Warum nicht auch, wenn eine Landeskirche zwei außergewöhnliche Bezirkskantoren hergeben muss? So fragte Siegfried Bauer, bis 2009 Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, bei der Verabschiedung von Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo.

NÜRTINGEN. Siegfried Bauer war am Ende als Überraschungs-Grußwortsprecher aufgetreten. Oft kommt in solchen Fällen nichts Besonderes, doch Bauers Gedicht war ein humorvolles Meisterstück. „Was zahlt Hannover für die beiden?“, fragte er, denn als Kirchenmusikdirektorin in Hildesheim wird Angelika Rau-Čulo im Dienst der hannoverschen Landeskirche stehen. „Bei vier Millionen sage ich Danke“, sagte er, um dann doch zum Schluss zu kommen: „Die beiden sind unbezahlbar.“

Mit dieser Erkenntnis sind wir bereits kurz vor Ende der Verabschiedung angekommen, springen wir zurück zum Anfang: Die Feier wurde als Evensong gestaltet, einer Abendgottesdienstform aus der Anglikanischen Kirche mit viel mehr gesungenen als gesprochenen Worten. Im Mittelpunkt stand die Bachkantate „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ (BWV 93), präsentiert von den vier hervorragenden Solisten Tabea Schmidt (Sopran), Lena Sutor-Wernich (Alt), Stephan Scherpe (Tenor) und Simon Amend (Bass), der Nürtinger Kantorei und dem Ensemble il capriccio. Beim ersten Coro dirigierte Angelika Rau-Čulo, ihr Mann spielte die kleine Orgel, bei der späteren Wiederholung des Coro war es genau umgekehrt. Nicht nur damit, auch mit einem fliegenden Wechsel beim Dirigieren zeigten die beiden, wie wunderbar sie sich ergänzen und wie vielseitig sie sind.

Kirchenmusikalisch ist in Nürtingen einiges gewachsen

Auch modernere Kirchenlieder hatten ihren Platz, die Friedensbitte „Keinen Tag soll es geben“ erklang wunderschön vom Nürtinger Kinder- und Jugendchor. Hinzu kamen als Mitwirkende die Bezirksprojektband und der Posaunenchor Nürtingen. Somit war sehr viel von dem vertreten, was Kirchenmusik heute ausmacht. Der kräftige und stimmige Gesang der Teilnehmer in der vollen Stadtkirche St. Laurentius bewies, dass in Nürtingen in den vergangenen Jahren kirchenmusikalisch einiges gewachsen ist. Das ist zu einem weiten Teil ein Verdienst von Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo. Sie kam 2007 nach Nürtingen, er kam 2009 dazu. „Ihr habt euer Amt zum Wohl der Kirche wahrgenommen, wir danken Gott für euren Dienst“, sagte Dekan Michael Waldmann bei der ausnahmsweise ungesungenen Entpflichtung der beiden Bezirkskantoren.

Im Anschluss an den Gottesdienst übernahm Dieter Oehler, der Vorsitzende der Bezirkssynode, die Moderation der Grußworte: „Ich würde euch viel lieber in Hildesheim begrüßen, Begrüßungen sind viel schöner.“ Dann kam als Erster nochmals Dekan Waldmann zu Wort. Es sei ihm eine Freude gewesen, sagte er, zu sehen, wie die beiden jungen Bezirkskantoren ihr Potenzial immer mehr ausgeschöpft hätten. „Sie haben die Kirchenmusik im letzten Jahrzehnt geprägt und auf ein ganz neues Niveau gehoben.“ Die beiden seien das einzige konfessionsverbindende Paar, das bisher eine Bezirkskantorenstelle der Evangelischen Landeskirche in Württemberg innehatte: So wurde der Katholik Michael Čulo evangelischer Kirchenmusiker. Die beiden hätten sich an vielen Stellen ergänzt, seien aber auch einzeln starke Persönlichkeiten.

Sie bauten die „Stunde der Kirchenmusik“ aus, sie sollte aber immer auf Spendenbasis und somit für alle zugänglich bleiben. Mit der Orgel, ergänzte Waldmann, hätten die beiden die Gemeinde beim Gesang „wie auf Schienen“ geleitet. „Auch wenn ich ein Lied nicht kannte, mit Ihnen war das nie ein Problem.“ Waldmann erinnerte auch an Außergewöhnliches: „Sie haben die Goldberg-Variationen in Nürtingen gespielt, wer hätte das gedacht. Sie haben mit Praktikanten 26 Stunden durchgespielt, ein Werk von Satie, das erst nach 876 Mal als aufgeführt gilt.“ Michael Čulo habe immer wieder mit Eigenkompositionen geglänzt.

In Hildesheim habe sich Angelika Rau-Čulo gegen 80 andere Bewerbungen durchgesetzt, ihr Mann lässt ihr dort den beruflichen Vortritt: „Sie sind wirklich ein Team.“ Waldmann zeigte Verständnis für den Weggang: „Wir haben Ihnen die schönste Kirche gegeben, die beste Orgel im Bezirk, die tollsten Sängerinnen und Sänger, die besten Bläser und die tollsten Solisten. Mehr hätten wir Ihnen in Nürtingen nicht mehr bieten können, Sie brauchen einen größeren Rahmen.“

Für ein Geschenk hatten Sänger der Kantorei und viele andere zusammengelegt, die Reaktion der beiden Bezirkskantoren zeigte, dass es ein Volltreffer war: Waldmann, der von der Liebe der beiden zu diesem Kunstwerk wusste, übergab ihnen das Bild „Klänge – Leichtigkeit“, von Fritz Ruoff im Jahr 1982 erschaffen.

Oberbürgermeister Otmar Heirich erinnerte an die sommerlichen Orgelkonzerte zum Markttag, die bis zu 200 Zuhörer locken, an Uraufführungen und einiges mehr und drückte seine „tiefste Bewunderung“ aus. „Sie haben in der Stadt das kulturelle Leben geprägt. Ich zöge den Hut vor Ihnen, wenn ich einen aufhätte.“ Doch der Ruf der beiden ging über Nürtingen hinaus, wie Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke betonte. „Jeder wusste um eure innovative Arbeit in Nürtingen. Ihr verbindet eine einladende Art, verlockende Kompetenz und Entschiedenheit.“

In ihrem Abschiedswort, vor dem Stehempfang auf dem Südvorplatz, hatten die beiden Bezirkskantoren nochmals kunstvoll die beiden biblischen Textlesungen aus dem Gottesdienst verarbeitet. „Ihr seid ein Segen, dass ihr mit uns musiziert, gearbeitet habt“, sagten sie. „Danke und Gottes Segen.“