„Musik ist auch Beziehungsarbeit“

Aufbruch nach Hildesheim: Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo blicken auf ihre Zeit in Nürtingen zurück – Morgen Abschied

Gespräch an der Wirkungsstätte: Angelika Rau-Culo und Michael Culo an der Orgel in der Stadtkirche. Foto: Holzwarth

13.07.2019, Von Andreas Warausch

NÜRTINGEN. Die Stunde des Abschieds rückt näher. Morgen werden die Bezirkskantoren Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo in einem Abendgottesdienst verabschiedet. Ab Oktober dann ist Angelika Rau-Čulo Kirchenmusikdirektorin in Hildesheim. Noch einmal wollen sie am Sonntag in Nürtingen die ganze Vielfalt zeigen, die ihr Wirken hier am Neckar geprägt hat. Alle Beteiligten werden mit von der Partie sein. Kantorei, Orchester, Bezirksprojektband, der Kinder- und Jugendchor, der Posaunenchor. Mit all denen haben sie regelmäßig zusammengearbeitet, seit Angelika Rau-Čulo vor zwölf Jahren ihr Amt hier angetreten hat und ihr Mann ihr zwei Jahre später folgte.

Oben sitzen sie in der Stadtkirche, bei der Orgel. Dort haben sie ja auch am hörbarsten gewirkt. Hier oben blicken sie zurück. Auch auf all die Aufbauarbeit, die sie damals leisten mussten, nachdem sie die Nachfolge des verstorbenen Jens Schreiber übernommen hatten. Die Kinder- und Jugendchöre aufbauen, Konzertreihen etablieren. So ging es los.

Die „Stunde der Kirchenmusik“ wurde zuerst eingeführt. Die Kirche sollte für die Menschen mit Musik geöffnet werden. Ohne Eintritt zu verlangen, erläutert Michael Čulo die Intension. Dann die Konzertreihe im Sommer, die aus den Orgeltagen hervorging. Ja, und nicht zu letzt die „Orgelmusik zum Markt“ in den warmen Monaten. Die Menschen sollten mit der Einkaufstasche kommen können, sich abkühlen, ausruhen – und hören freilich, so Michael Čulo.

Dann setzten die beiden Kantoren viel auf Kooperationen. Mit dem Nürtinger Kammerorchester, dem Konzertensemble oder auch der Musik an St. Johannes. „Gute Kommunikation war uns immer ein Anliegen“, sagt Angelika Rau-Čulo. „Wir konnten aber auch etwas verrücktes ausprobieren“, resümiert Michael Čulo. Da denkt er zum Beispiel an die Liturgische Performance, die das Paar vor sechs Jahren mit Birgit Mattausch und Robby Höschele in die Kirche brachte. Die Kirche ausräumen, Platz schaffen für spielerische Sachen. Farbe, Klang, Raum erfahrbar machen. Auch beim Bezirkskirchentag im letzten Jahr. Da war „Zumutung“ das Motto. Und das Ehepaar mutete seinen Hörer einiges zu, wagte viel. Mit Eric Saties 26 Stunden währendem Stück „Vexations“. Fordernd für die Musiker – und das Publikum. Doch viele kamen immer wieder.

Man spürt es: Dass sie mit diesen Wagnissen in Nürtingen nicht abgewiesen wurden, hat die Zeit für sie geprägt. Grundsätzlich war es so, dass bei diesen Erprobungen das Publikum gut mitging, sagen sie. Die Konfrontation auch mit abseitigeren Stücken gelang. Ob mit Schostakowitsch oder Mozart.

Dabei haben Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo die Menschen beobachtet. Am Anfang waren sie manchmal distanziert, aber doch auch erwartungsvoll. Zuerst bot man Mainstream. Dann wandelte man das Angebot schnell. Probierte sich und etwas aus. Und: Jetzt nehmen die Menschen ihnen alles ab, sagen sie. Weil sie dahinter stehen, mit ihnen darüber reden. Deshalb war beiden stets die Nähe zu den Menschen wichtig, zum Beispiel mit der Begrüßung an der Tür. Sie seien als Künstler wahrgenommen worden, aber nicht als abgehoben, werten beide ihr Verhältnis zu den Nürtingern. Das war ihnen wichtig. Denn: „Musik ist Beziehungsarbeit“, sagt Michael Čulo.

Und sie hatten ja mit vielen Menschen zu tun. Auch bei der Tätigkeit im Bezirk, mit den Chören dort – wo man auch schnell Vertrauen fasste. Überhaupt Vertrauen und Offenheit: Das spürten die Čulos hier in Nürtingen stets. Schließlich durfte Michael Čulo hier als Katholik evangelischer Kantor sein. Eine Tatsache, die er als „sehr ungewöhnlich“ bezeichnet. Die Zeit hier „ein Zugewinn“.

Auch in Hildesheim wird Angelika Rau-Čulo mit vielen, vielen verschiedenen Menschen zusammentreffen. Zu ihrem Dienstauftrag als Kirchenmusikdirektorin gehört die Betreuung von 235 Gemeinden dazu. 28 waren es hier. Visitationen in allen sind vorgesehen. Die (Noch-)Bezirkskantorin: „In sechs Jahren kommt man da einmal durch.“

Das Paar blickt dankbar auf eine erfüllte, reiche Zeit zurück

Es ist also eine große Herausforderung, die sich Angelika Rau-Čulo stellt. Und wie kam sie zu der? Schon während des Studiums sei klar gewesen, dass man nicht auf einer Stelle verharren werde. Ja, und dann hat er im Fachblatt für Kirchenmusiker die Ausschreibung gelesen. Er kannte den Raum Hildesheim, die Stadt, und empfahl ihr die Bewerbung. Das war ausschlaggebend. Denn sie räumt ein: „Ohne ihn hätte ich die Bewerbung nicht abgeschickt.“ Sie sei in ihrer Beziehung eher der Zweifler, räumt sie ein. Und er sagt: „Ich wollte ihr zeigen: Du kannst es.“ Ein „außergewöhnliches Geschenk“ sei es, dass der Mann die Frau so pusht, sagt sie.

So schickte sie die Bewerbung ab. War eine von 80 Bewerbern. Die ersten Gespräche liefen gut. Dennoch blieb sie skeptisch. Dann gehörte sie zu den vier Letzten, bekam den Zuschlag und tritt nun eine große Aufgabe an. St. Michaelis in Hildesheim ist UNESCO-Weltkulturerbe und eine der Hauptkirchen der deutschen evangelischen Kirche. Und sie wird auch die Kantorei dort leiten. Aber mit 43 Jahren fühlt sie sich im richtigen Alter dafür.

Ihr 38-jährigen Mann wird pendeln. Denn er wird den Knabenchor collegium juvenum Stuttgart, mit dem er erst auf Konzertreise in Argentinien war, weiter leiten. Wohnen wird er dann bei seiner Mutter in Ludwigsburg – und die zweite Wochenhälfte bei seiner Frau im Norden verbringen.

Und was bleibt ihnen dann von Nürtingen? „Es war nicht nur ein Arbeitsfeld, hier sind Beziehungen und Freundschaften entstanden“, sagt er. Die Freundschaften werden über die Distanz gepflegt werden. Und sie blicke dankbar auf eine „erfüllte, reiche Zeit“ zurück. Die Stellenteilung sei ein Geschenk gewesen, hebt sie hervor. Und er betont, dass sie hier zuhause waren: „Nürtingen ist eine schöne, lebenswerte Stadt.“ Ein guter Ort, eine gute Zeit. Beide gehen mit guten Gedanken. Es bleibt die Sympathie. Nach all den Jahren gehe man nicht aus der Not heraus. Ein gutes Gefühl. Ein Abschied mit guten Gedanken – und mit traurigen.

Und wie geht es in Nürtingen weiter? „Gut“, hoffen die beiden. Und das ist ihnen ein Anliegen. Frühestens im Frühjahr 2020 werde es einen Nachfolger geben. Für die Zeit bis dahin gelte es, die Vakatur zu organisieren. Für die Ensembles, für die Gottesdienste. Denn: „Das Leben geht weiter“, sagt sie. Bevor Angelika Rau-Čulo und Michael Čulo dann wieder herkommen werden, um die Musik zu hören, die sich dann entwickelt hat, werden sie übrigens eine gute Zeit verstreichen lassen. Sie wollen dem Nachfolger Raum lassen, um Menschen zu binden und Vertrauen zu schaffen. Ganz so, wie sie es auch getan haben.

Am Sonntag, 14. Juli, 18 Uhr, werden die beiden Bezirkskantoren im Rahmen eines Evensongs, eines Abendgottesdiensts in anglikanischer Tradition, in der Laurentiuskirche von der Stadt- und Gesamtkirchengemeinde sowie vom Nürtinger Kirchenbezirk verabschiedet. Danach gibt es kurze Grußworte und die Möglichkeit, sich von den Scheidenden zu verabschieden.

Hintergrund
Über Glaube und Musik


Für Angelika Rau-Čulo ist Musik gelebter Glaube. Sie kennt es aus ihrer Familie, Glauben im Singen und Musizieren zu leben. Trotzdem habe sie an die Institution Kirche klare Anfragen.
Es komme darauf an, alles aus tiefstem Herzen zu tun. Auch die Chorsänger müssten „tief einsteigen“. Dann werde die Befassung mit Themen und Musik emotional. Ein Beispiel sei das mit der Kantorei jüngst zur Wiederkehr der Reichspogromnacht aufgeführte „Requiem für einen polnischen Jungen“
mit seiner starken, tiefgründigen Botschaft. Einer Botschaft, die nie verhallen dürfe. Schließlich seien die Verbrechen gerade einmal ein Menschenleben her. Die Beschäftigung damit mache tief betroffen, wenn man es zulasse. Aber anders gehe es nicht.
Michael Čulo unterstreicht, dass Glaube Auseinandersetzung bedeute. Oft sei anstelle einer große Gewissenheit Hadern. Die Kirchenmusik biete dafür das Feld. Denn die Musik habe einen starken Textbezug, beruhe oft auf sehr alten Psalmen, habe spirituelle Tiefe, suche nach Wahrheit. So erreiche man die Menschen tief, nicht nur über einen intellektuellen Bezug. Musik habe dann therapeutische, tröstende Wirkung.
Angelika Rau-Čulo bestätigt dies: Man könne diese Musik auch nur emotional annehmen. Und im Gottesdienst gebe die Musik Antworten auf die Predigt, die wiederum Bezug zum Lied nehmen kann. Es ist ein Wechselspiel auf vielen Ebenen.