Kultur Wer war Rudi Dutschke?

Ulrich Chaussy zeichnet in seiner Biografie ein differenziertes Bild des redegewandten Vordenkers der Studentenbewegung

Ulrich Chaussy hat etliche Jahre für seine Rudi-Dutschke-Biografie recherchiert. Foto: eis

Ulrich Chaussy hat etliche Jahre für seine Rudi-Dutschke-Biografie recherchiert. Foto: eis

19.10.2018, Von Katja Eisenhardt 

Ulrich Chaussy zeichnet in seiner Biografie ein differenziertes Bild des redegewandten Vordenkers der Studentenbewegung

NÜRTINGEN. Der Journalist und Autor Ulrich Chaussy hat jahrzehntelang in Sachen Rudi Dutschke recherchiert, mit allen wichtigen Zeitzeugen gesprochen, alle relevanten Archive ausgewertet und so unzählige Akten gewälzt. In der Buchhandlung Im Roten Haus hat er die Biografie eines Menschen vorgestellt, der trotz widriger Umstände stets daran glaubte, die Welt aktiv zum Besseren verändern zu können.

„Wir können eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu kennen, und zwar in der ganzen Welt. Das ist unsere geschichtliche Möglichkeit.“ Diese klaren, appellierenden und hoffnungsvollen Worte äußert Rudi Dutschke am 3. Dezember 1967 im Rahmen des viel beachteten TV-Interviews der Reihe „Zu Protokoll“ mit Günter Gaus. Zwar war Dutschke auch ansonsten in den Medien präsent, wurde in den meist recht kurzen Nachrichtensequenzen aber laut Ulrich Chaussy sehr einseitig als Bürgerschreck, Rädelsführer und „Agent des Sowjetkommunismus“ dargestellt: „Es war die einzige argumentative Gesamtdarstellung. Im Gespräch mit Günter Gaus, einem kritischen und aufmerksamen Zuhörer, konnte Rudi Dutschke erstmals seine Ideen argumentativ entfalten“, erinnert sich sein Biograf, der die Sendung als damals 15-Jähriger gespannt verfolgte.

Weil er den Wehrdienst verweigerte, konnte Dutschke nicht studieren

Dutschke und seine Mitstreiter des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) kritisierten das bestehende parlamentarische System, hielten es für unbrauchbar. So gebe es darin keine Repräsentanten, die die wirklichen Interessen der Bevölkerung ausdrücken, sagte Dutschke in dem Interview. Er selbst verweigerte als Abiturient 1958 den Wehrdienst, im Gegenzug wurde ihm das angestrebte Sportjournalistikstudium dank einer herabgestuften Abiturnote unmöglich gemacht. Es blieb also nur der Gang von der Heimat im Osten in den Westen.

1961, kurz bevor die Schließung der Grenzen und der anschließende Mauerbau begannen, ließ Rudi Dutschke Familie und Freunde zurück und ging nach West-Berlin. Um dort studieren zu können, musste er das West-Abitur nachholen. Mit Bestnote wurde sein Deutsch-Abituraufsatz bewertet, Auszüge daraus hat Ulrich Chaussy in seine Biografie aufgenommen. Darin wird deutlich, dass sich der damals 20-Jährige sehr genau und kritisch mit dem auseinandersetzte, was um ihn herum auf politischer Ebene geschah. Etwa die Tatsache, dass ungeachtet ihrer früheren Taten ehemalige Nazis in verantwortliche Positionen berufen wurden. Rudi Dutschke kritisiert, dass die Parteien es zuließen, dass „ein Großteil des Volkes einfach einen Strich unter die unbewältigte Vergangenheit zog.“

Wenige Monate nach dem Fernsehinterview bei Günter Gaus ereignet sich am 11. April 1968 das wohl dunkelste Kapitel im Leben Rudi Dutschkes, das letztlich nur 39 Jahre andauern sollte. An diesem Apriltag schießt der Rechtsextreme Josef Bachmann nahe der SDS-Zentrale auf dem Kurfürstendamm aus nächster Nähe dreimal auf den damals 28-jährigen Dutschke. Jenen redegewandten Vordenker der Studentenbewegung in West-Berlin, „von der aufbegehrenden Jugend und den revoltierenden Studenten als Vorbild bewundert, von weiten Teilen des westdeutschen Establishments als Störenfried und moskauhöriger Revoluzzer verteufelt“, wie es im Klappentext der Biografie heißt.

Rudi Dutschke überlebt das Attentat schwer verletzt. Doch sein Gehirn, besonders das Sprachzentrum und auch der Sehnerv sind getroffen. Er muss ganz neu lernen zu sprechen, zu lesen und zu schreiben. Auf das Attentat folgen am Osterwochenende 1968 landesweite Demonstrationen, es sind die bis dahin heftigsten Proteste der Nachkriegszeit. Rudi Dutschke, durch das Attentat gesundheitlich schwer gezeichnet, kann die „Wege und Irrwege der 68er nur als Zuschauer aus dem Exil in Dänemark verfolgen“, so Ulrich Chaussy.

Zehn Jahre später drängt es ihn zurück in die Politik, „er war wieder in der Spur, wollte sich der entstehenden grünen ökologischen Bewegung anschließen“, beschreibt Chaussy den Rudi Dutschke der Jahre 1978/79. Im November 1979 hatte er ihn als junger Hörfunkjournalist für den Bayrischen Rundfunk interviewt: „Ich habe ihn als faszinierenden, verletzten Menschen mit vielen Fragen erlebt. Er wollte wissen, was aktuell in der Bundesrepublik los ist, stellte auch viele Fragen zum Attentat auf ihn selbst, zum Warum.“ Für 1980 planten sie gemeinsam eine Sondersendung zu diesem Thema.

Dazu sollte es jedoch nicht mehr kommen. An Heiligabend 1979 erleidet Rudi Dutschke als Spätfolge des Attentats zu Hause im dänischen Aarhus einen epileptischen Anfall in der Badewanne und ertrinkt. Ulrich Chaussy macht die Sendung allein, startet 1980 seine umfassenden Recherchen, die bis 2017 andauern. Das Porträt des Menschen Rudi Dutschke, der einen so großen Einfluss auf seine Generation hatte, findet sich in der über 500 Seiten starken Biografie wieder.

Veranstaltet wurde die Lesung von der Buchhandlung Im Roten Haus, dem Evangelischen Bildungswerk im Landkreis Esslingen und der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Nürtingen.